ZBiO

Neues aus dem Norden

Oslo, 28. Oktober 2008

Am vergangenen Wochenende hielt deutsche Bierkultur (oder das, was der gemeine Norweger dafür hält) Einzug in Oslo: Gleich zwei Oktoberfeste wurden in der Hauptstadt gefeiert.

Hoch die Tassen beim Oktoberfest in Oslo

Hoch die Tassen beim Oktoberfest in Oslo

Bierzelte wurden sowohl in der City auf dem Youngstorg als auch beim Chateau Neuf, einem Veranstaltungszentrum von und für Studenten im Stadtteil Majorstua, errichtet. Wir entschieden uns für die von der norwegischen Studentengesellschaft veranstalteten Version und luden auch unsere Freunde Anne und Frode aus Fredrikstad nach Oslo ein.

Wie es sich für ein zünftiges Oktoberfest gehört, spielte im Bierzelt eine Blaskapelle (die "Ronald Schnipfelgrüber Tyrolerkapelle" und von der Decke hingen bayerische Flaggen. Echte Zenzies mit Maßkrügen suchte man jedoch vergeblich — das Bier, wobei wir unter einer großen Anzahl verschiedener Sorten wählen konnten, wurde in „neutrale” Ringnes-Plastikbecher eingeschenkt. Schweinshaxen und Hähnchen gab's auch keine — hier besteht also noch ein wenig Nachholbedarf. Ansonsten war die Veranstaltung aber wohl ein toller Erfolg — selten habe ich in Norwegen hunderte Menschen gut gelaunt feiern sehen wie am vergangenen Freitag.

Weniger nach Feiern zumute dürften den Isländern sein. Dass es denen wegen der globalen Finanzkrise momentan gar nicht so gut geht, hat sich ja inzwischen auch in Deutschland herumgesprochen. Hier in Norwegen verfolgt man die Geschehnisse på sagaøya (auf der Sageninsel) recht genau. Dabei geht es nicht allein um Mitleid mit den nordischen Nachbarn, sondern auch darum, wie denn die Zukunft aussehen kann. Nicht wenige glauben (aus gutem Grund), dass Island alsbald Mitglied der EU werden könnte und den Euro als Währung einführt. Nun ist der Weg bis dorthin noch lang, allein wegen der Stabilitätskriterien, die dafür erfüllt werden müssen. Aftenposten schrieb Sonntag, dass in Island in diesem Jahr mit einem Rückgang des Bruttosozialproduktes um zehn Prozent und mit einer Inflation von fünfzig Prozent zu rechnen ist.

Sollte Island eines Tages der EU beitreten, wäre Norwegen neben Liechtenstein das letzte Land, das dem europäischen Wirtschaftsraum (EWR) angehören würde. Der EWR ist so etwas wie „EU für Arme” — die EWR-Staaten sind Teil des inneren Marktes der EU und müssen daher alle EU-Direktiven, die eben diesen Markt betreffen, umsetzen, ohne aber im Vorfeld über diese mitbestimmen zu dürfen. Andererseits zahlt Norwegen genauso viel Geld in die EU-Kasse als sei es EU-Mitglied. Sollte Island mittelfristig EU-Mitglied werden, könnte dies das Ende des EWR bedeuten — es dürfte sich kaum lohnen, ein Gebilde wie den EWR für nur ein (richtiges) Land aufrechtzuhalten. Am Ende bewirkt die Finanzkrise womöglich noch etwas Gutes, nämlich dass Norwegen am Ende EU-Mitglied wird, wer weiß.

Aber im Moment sind wir von positiven Auswirkungen dieser Krise noch ein gutes Stück entfernt. Die kleinen Währungen leiden im Moment sehr darunter, so auch die norwegische Krone. Vom fallenden Ölpreis zusätzlich gebeutelt, stieg der Preis für einen Euro Ende letzter Woche auf 9,20 kr — im Normalfall bezahlen wir rund 8 Kronen dafür.

Ein letztes Bild von Mutters schöner Vase

Ein letztes Bild von Mutters schöner Vase

Vom Wertverfall der norwegischen Krone betroffen ist auch meine Schwester und ihr frischgebackener Gemahl Thomas. Die beiden haben vor gut zwei Wochen geheiratet und von uns einige Kronen als Geschenk bekommen. Wir können nur hoffen, dass die beiden nach den wilden Feierlichkeiten mit reichlich Bremer und anderen norddeutschen Bieren noch über ausreichend finanzielle Ressourcen verfügen und nicht gezwungen sind, gerade jetzt die Kronen zu vereuroen.

Anlässlich der Hochzeit weilten wir dann auch mal wieder in Deutschland, und anstrengend war es. Nach der zehnstündigen Anreise per Auto (das diesmal ohne irgendwelche Zwischenfälle durchhielt) ging es direkt zum Polterabend im Roten Hahn in Tönning. Die lange Autofahrt schien doch viel Kraft gekostet zu haben, so dass der Alkoholgenuss bei mir offenbar mehr Spuren als gewöhnlich hinterließ, wie mir mehrere Zeugen am nächsten Tag unabhängig voneinander berichteten. Egal, ich habe auf jeden Fall alles gegeben! Also noch mal ein Dankeschön für die Feierlichkeiten und das leckere Bier!

Tarnold

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